28. Januar 2026

Lesung „Und ohne Tabu explodiert die Welt“

Tilman Röhrig zu Gast in der Aula des Elisabeth-Gymnasiums

Titelbild für Beitrag: Lesung „Und ohne Tabu explodiert die Welt“

Tilman Röhrig     (Foto: Gabriele Brülls)

Aus einer Lesung vor zwei Jahren in Klasse 7 war dieser besondere Termin mit Tilman Röhrig am 21. Januar 2026 zur Vorstellung seines neuen Erich-Kästner-Romans erwachsen. Darin erzählt Röhrig von den „drei Erichen“; von Erich Kästner, dem Autor von „Emil und die Detektive“, dessen Freund Erich Ohser, bekannt als E. O. Plauen, dem Autor von „Vater und Sohn“ und Erich Knauf, dem literarischen Leiter der Büchergilde Gutenberg. Alle drei genießen Ende der 1920er Jahre die Cafés, die Theater, die Weltoffenheit und den kritischen Geist Berlins. Kästner und seine Freunde glauben die politischen Entwicklungen im Blick zu haben, um dann doch miterleben zu müssen, was hinter den Fassaden der mondänen Hauptstadt schon vor der Machtergreifung 1933 Gestalt annimmt: die Unterdrückung der Freiheit und das Ende der eigenen Unverwundbarkeit.

Röhrig versteht es, die recherchierte Historie eindringlich zu erzählen und mit Kästners Biografie zu verknüpfen. So muss Kästner beim Kinobesuch im Berliner Mozartsaal miterleben, wie SA-Trupps im Dezember 1930 die Aufführung des Antikriegsfilms „Im Westen nichts Neues“ durch Parolen, antisemitisches Gegröle und zahlreiche Stinkbomben abbrechen. Oder wie im September 1931 zum jüdischen Neujahrsfest Schlägertrupps der SA auf dem Ku’damm auf Menschenjagd gehen, das Café Reimann zertrümmern und die Berliner Polizei nichts dagegensetzt.

Als Röhrig seine gut 50 Zuhörerinnen und Zuhörer in der Aula des ELG mit dieser Szene in die Pause entlässt, zeigt der verzögerte Applaus, wie sehr die gelesenen Roman-Passagen berührt haben, zur Nachdenklichkeit auffordern.

Auf dem Züricher Bahnhof inszeniert Röhrig dann einen Disput zwischen Kästner und der Schriftstellerin Anna Seghers, der am 28. Februar 1933 stattgefunden habe. Seghers wirbt für den Verbleib in der sicheren Schweiz, sieht sich „der Hölle soeben noch entkommen“ und will aus dem Exil die Stimme erheben. Kästner plädiert mit dem Koffer in der Hand für die Rückkehr nach Berlin: „Es geht um Flüchten oder Standhalten. Ich wage nicht zu urteilen, was für jeden Einzelnen das Richtige ist. … Freunde, sind wir nicht verpflichtet, diesem Regime die Stirn zu bieten?“

Gelesen und gehört vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Sachsen-Anhalt bekommt der Disput von damals eine ungeahnte Aktualität. Darüber wiederum diskutieren nach der anderthalbstündigen Lesung manche der Zuhörenden während sie an Tilman Röhrigs Signiertisch anstehen.

Gabriele Brülls | Hans-Michael Mingenbach