24. April 2026

Religion und Politik - Christliche Haltung in herausfordernder Zeit

Schülerinnen und Schüler des Elisabeth-Gymnasiums im Gespräch mit Bischof Dr. Gerhard Feige

Titelbild für Beitrag: Religion und Politik - Christliche Haltung in herausfordernder Zeit

Foto: Christine Fischer

 

Die Idee, über Haltungen und Prinzipien eines verantwortlich gelebten Christseins in unserer Zeit zu sprechen, war im Sommer 2025 entstanden. Ein Reli-Kurs diskutierte die Friedensethik der Bergpredigt und stellte dabei die Grundsatzfrage: Hat Religion, haben Christen zu gesellschaftlichen Zukunftsfragen „etwas zu sagen“, oder gehört Religion - wie nicht wenige Zeitgenossen meinen – ins Private? 

Schülerinnen und Schüler aus den Ethik- und Religionskursen des 12. Jahrgangs bereiteten das Gespräch mit Bischof Dr. Feige in mehreren Runden vor. Aufmerksam hatten sie den Brief des Bischofs von Magdeburg zur österlichen Bußzeit 2026 „Von christlichen Prinzipien gesellschaftlichen Zusammenlebens“ gelesen. Den Vorbereitungen folgend soll es um das Zueinander von Demokratie und Religion, um Herausforderungen für die christliche Friedensethik, um medizinethische Konflikte und – nicht zuletzt – um die Zukunftsfrage „Worauf dürfen wir hoffen?“ gehen. Mitte März 2026 dann trafen sich der Bischof und der Jahrgang in der Aula des Elisabeth-Gymnasiums.

„Demokratie braucht Religion.“

In seinem Eingangsstatement erinnert Bischof Feige schlaglichtartig an Etappen im Verhältnis von Religion und Politik, von Kirche und Staat in der europäischen Geschichte: Von der Konstantinischen Wende – das Christentum wird Staatsreligion – über die mittelalterlichen Zweckbündnisse zwischen geistlicher und weltlicher Macht oder die Konflikte darum, immer sicherte die enge Verbindung Einfluss auf das politische Geschehen wie das gesellschaftliche Leben, das ohne Religion, ohne Kirche nicht denkbar war. Erst die Französischen Revolution (1789) bringe mit der strikten Trennung von Kirche und Staat - dem Laizismus - ein neues Modell in die Geschichte ein. 
Während sich die Französische Republik zu einem laizistischen Staat entwickelte, der Religion zur Privatsache mache, sei die Bundesrepublik Deutschland ein säkularer Staat geworden. Hier sei Kirche und Staat rechtlich getrennt, sei der Staat weltanschaulich neutral, garantiere die Religionsfreiheit, kooperiere aber zugleich mit den Kirchen z.B. bei den vielfältigen sozialen Diensten von Caritas oder Diakonie.
Der säkulare Staat, die Demokratie in Deutschland lebe „von Voraussetzungen, die sie mit ihren Mitteln, nämlich denen des Rechts, nicht garantieren kann“. Feige nimmt die Formulierung des früheren Verfassungsrichters und Religionsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde auf. Danach könne der demokratische Staat zwar einen freiheitlichen Rahmen für alle sichern, dass dieser dann auch funktioniere, hänge von den Menschen ab, ob und wie sie diesen nutzten, um sich für die Gesellschaft zu engagieren. Gesellschaftlicher Zusammenhalt brauche Sinnerzählungen, die Menschen motivierten. Solche tragenden Sinnerzählungen wiederum entstammen den Religionen oder Weltanschauungen.
Zugleich sieht der Bischof die vielfältigen Krisen, die Religion und freiheitliche Demokratie herausfordern. Das fördere eine „Gesellschaft der Ängste“, in der soziale und politische Spannungen entstehen und die Menschen in Verschwörungstheorien flüchten. 
Die Menschen seien in ihrer „Weltbeziehung“ derart beeinträchtigt, dass es ihnen „an der Lust auf das Leben und am Vertrauen in das Leben gleichermaßen“ fehle. Jahrhunderte altes Wissen um sinnstiftende Symbole und Weltdeutungen gehe gerade ebenso verloren wie die Fähigkeit, aufeinander zu hören und miteinander zu debattieren. Beide aber – Religion und Demokratie – lebten von der Bereitschaft, zuzuhören, sich anrufen zu lassen, in Resonanz zu treten. Feige nimmt die Analyse des Soziologen Hartmut Rosa auf, sieht die Religion vor die Aufgabe gestellt, gegen alle Angstszenarien daran zu erinnern, dass Zusammenleben mehr ist, als Interessen und Meinungen durchzusetzen. Mit Rosa sieht er von der Religion Traditionen und Praktiken angeboten, „die den Sinn dafür öffnen können, was es heißt, sich anrufen zu lassen, sich transformieren zu lassen, in Resonanz zu stehen“ (Rosa). Ohne diesen Sinn könne auch eine lebendige Demokratie nicht gelingen. 

„Die Menschenwürde ist der Kern des christlichen Menschenbildes.“

In der anschließenden Gesprächsrunde knüpfen die Schülerinnen und Schüler an das Statement des Bischofs an. Johann will wissen, welche Haltungen, welche politischen Positionen aus christlicher Sicht nicht mehr tolerabel seien.
Bischof Feige verweist auf die Erklärung der deutschen Bischöfe „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“ aus dem Februar 2024, der eine längere Auseinandersetzung der Bischöfe mit Populismus und Extremismus vorangegangen sei. Ein Prozess, in dem die katholischen Bischöfe, aber auch die Evangelische Kirche in Deutschland sich für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, für die Demokratie stark machen. 
„Jeder Mensch“, so Feige, „besitzt eine unantastbare und unverfügbare Würde. Sie gründet in der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen und ist die Basis der Menschenrechte.“ Werde die gleiche Würde aller Menschen geleugnet oder relativiert, wie es rechtsextremistische Gesinnungen und Konzepte tun, die auf Ab- und Ausgrenzung zielen, sei das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, religiöser Zugehörigkeit und kultureller Prägung prinzipiell infrage gestellt. 
Die Menschenwürde sei der Kern des christlichen Menschenbildes. Dieser Gedanke finde sich in unserer Verfassung wieder, denn das Grundgesetz stelle - in klarer Abgrenzung zum Nationalsozialismus - die Menschenwürde ausdrücklich in ihrer Bedeutung für die staatliche Ordnung und das gesellschaftliche Zusammenleben voran. Entsprechend sei ein ab- und ausgrenzender völkischer Nationalismus weder mit unserer Verfassung noch mit dem christlichen Menschen- und Gottesbild vereinbar, betont Feige. 

Dann komme doch der CDU eine besondere Verantwortung zu, christliche Werte in ihrer Politik zu verwirklichen, hakt Johann nach.
Prinzipiell stimmt Bischof Feige dem zu, verweist aber auch darauf, dass mit einer Orientierung an Menschenwürde, Freiheit und Solidarität Christinnen und Christen in allen Parteien des demokratischen Spektrums politisch aktiv sein können. Da habe sich die Positionierung der Kirche seit den 1960er oder 1970er Jahren deutlich verändert. Damals habe es – sicherlich auch durch die Parteien-Geschichte in der noch jungen Bundesrepublik bedingt – Wahlaufrufe zugunsten der CDU gegeben. Schon seit längerem lege man sich da nicht mehr auf eine Partei fest, sondern spreche über Inhalte. Biographisch merkt Feige an, dass er vor dem Hintergrund seiner Lebenserfahrung in der DDR sich nicht habe vorstellen können, nach 1990 so intensiv für ein Leben in Demokratie und Freiheit werben zu müssen. 

Von der vorrangigen Option der Gewaltfreiheit

Simon eröffnet den nächsten Abschnitt des Gesprächs: Vor vier Jahren hat Russland die Ukraine überfallen, seitdem ist wieder Krieg in Europa, seit wenigen Tagen ist Krieg im Nahen Osten – die bisherigen friedenethischen Orientierungen scheinen nicht mehr zu tragen. Ist Krieg aus christlicher Perspektive wieder eine Option der politischen Gestaltung?
Feige nimmt den zeitdiagnostischen Hinweis von Simon auf. Auch er spricht von einer „neuen Zeit“, sieht neue Formen und Situationen von Gewalt und die bisherige internationale Zusammenarbeit nicht mehr funktionieren. All das dürfe aber nicht dazu verleiten, die Vision vom „gerechten Frieden“ aufzugeben. Vielmehr sieht Feige die christliche Friedensethik herausgefordert, ihre unterschiedlichen Traditionen im Umgang mit Gewalt neu zu justieren. In diesem dringend zu führenden Gespräch, bei dem es um die Glaubwürdigkeit der christlichen Friedensbotschaft gehe, stehe eine jüngere Lehre legitimer Gewaltanwendung neben der älteren eines Pazifismus. Beiden gehe es um die Minimierung, letztlich um die Überwindung von Gewalt. Und: Mit der Charta der Vereinten Nationen stimmen „alle christlichen Positionen darin überein, jeden Angriffskrieg zu ächten. Dennoch müssen sie mit der Frage ringen, wozu einzelne Staaten bzw. die Staatengemeinschaft angesichts schwerer Gewalt gegen Dritte – z. B. im Falle von Vertreibung, schwerster Menschenrechtsverbrechen oder Genozid – verpflichtet sind und … welche Rechte und Möglichkeiten deren Opfer haben“. Feige verweist auf das Friedenswort der deutschen Bischöfe „Friede diesem Haus“, das sich intensiv dieser Diskussion stellt. Darin erläuterten die Bischöfe eine vorrangige Option für die Gewaltfreiheit, nicht die eines absoluten Gewaltverzichts. „Gewalt anzuwenden ist mit dem Geist der Gewaltfreiheit demnach dann und nur dann vereinbar, wenn dabei auf jede Gewalt verzichtet wird, die etwas anderes bezweckt, als Frieden und Gerechtigkeit zu fördern.“
Die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht mache diese friedensethischen Fragen für ihn persönlich und viele andere im Jahrgang sehr konkret, merkt Simon an. Da sei er sozusagen aufgespannt zwischen den Positionen.
Feige beschreibt, wie sehr er dieses Gefühl aus seiner Biographie kenne: Als er als junger, friedensbewegter Mann in der DDR den Dienst in der Nationalen Volksarmee verweigern wollte, bereit war, dafür ins Gefängnis zu gehen, und der Vater dagegenhielt. In der Rückschau sei er froh, dass der Vater ihn in seiner Radikalität gemildert habe. Er habe dann aber den Dienst mit der Waffe abgelehnt und sei als „Bausoldat“ gemustert worden, wurde dazu aber niemals einberufen. Zugleich weiß er heute um weitere Lebensstationen, deren Erfahrungen die frühere, vielleicht radikale pazifistische Haltung veränderten. Heute sehe er, dass die Freiheit zu verteidigen ist und frage sich, wie das gewaltfrei gelingen könne.

Auf Marias Frage, wie die Würde des Menschen in medizinethischen Konflikten am Anfang oder Ende des Lebens zu achten sei, verweist der Bischof auf den Respekt vor den Menschen, die in solchen Konflikten handeln müssen. Es kollidierten dabei Grundwerte, um die die betroffenen Menschen in der Regel wüssten und deshalb auch keine leichtfertigen Entscheidungen träfen. Am wenigsten führten Schuldzuweisungen zu Lösungen, vielmehr habe die Kirche zu helfen, dass Menschen solche Konfliktlagen bewältigen.

Eine Hoffnungsbotschaft für unsere Zeit

Nora erinnert daran, dass in den nahezu 90 Minuten des bisherigen Gesprächs viel von Krisen und Konflikten die Rede war – von Krieg, von Menschenverachtung und einer Zerstörung der Demokratie mit ihrem Freiheitsversprechen. Wenig ermutigende Zukunftsbilder seien dies. „Wir aber wollen Zukunft!“ Wie könnte eine Hoffnungsbotschaft für unsere Zeit klingen? 
Zukunft, erwidert Feige, sei für ihn immer offen, schenke Chancen und Möglichkeiten zu entwickeln. Zugleich brauche Zukunft Erinnerung; sie werde lebendig und erst gestaltbar, wenn Vergangenes nicht verdrängt, Verantwortungen gesehen und in Optionen integriert werden. Nicht zuletzt sehe er sich und sein Zukunftsverständnis von der christlichen Botschaft der Auferstehung getragen: Niemals habe der Tod das letzte Wort, sondern das Leben. Das sei der Kern seiner Hoffnungsbotschaft für unsere Zeit.

Am Schluss der Gesprächsrunde segnet Bischof Feige den Jahrgang vor den jetzt anstehenden Abiturprüfungen. Die Schülerinnen und Schüler würdigen die Gesprächsrunde mit langem Applaus und zeigen sich beeindruckt, stellvertretend für viele merkt Julia an: „Ich habe klare Positionen gehört, das war sehr authentisch, gar nicht fromm, wie ich erwartet hatte. Warum wissen wir so wenig von dieser kirchlichen Haltung?“
 

Hans-Michael Mingenbach

 

Quellen und Literatur

Von christlichen Prinzipien gesellschaftlichen Zusammenlebens, Brief des Bischofs von Magdeburg zur österlichen Bußzeit 2026, Bistum Magdeburg 17.02.2026 - www.bistum-magdeburg.de/aktuelles-termine/nachrichten/fastenhirtenbrief-2026

„Friede diesem Haus“, Friedenswort der deutschen Bischöfe, 21. Februar 2024 - www.dbk-shop.de/de/publikationen/die-deutschen-bischoefe/hirtenschreiben-erklaerungen/friede-diesem-haus-friedenswort-deutschen-bischoefe#files

Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar. Erklärung der deutschen Bischöfe, 22. Februar 2024 - www.dbk.de/themen/erklaerung-zum-voelkischen-nationalismus

Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion – gerade jetzt!, Kösel-Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe, München 2026