Wer Gesetze bricht, ist böse. Wer sie befolgt, ist gut. So kennt man es und so ist es theoretisch auch richtig. Doch in der Praxis sieht es oft anders aus, denn in dem Moment, als ein Ex- Häftling den Raum in unserer Schule betrat, haben wir einen komplett neuen Einblick in diese Thematik erhalten. Im Religionsunterricht haben wir uns ausführlich mit der Frage, ob der Mensch gut oder böse ist, beschäftigt, und ob Menschen die Straftaten begangen haben, überhaupt gute Menschen sein können. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, lud unsere Lehrerin einen Ex-Häftling in unsere Schule ein. So betraten Herr K. (45 Jahre alt) und seine Kunsttherapeutin Ramona Sonntag den Raum und es wurde plötzlich still.
Das Hauptziel des Besuchs bestand darin der Frage nachzugehen, ob ein Mensch wirklich durch und durch böse sein kann, oder ob es manchmal gar nicht der Mensch selbst ist, der böse ist, sondern sein soziales Umfeld und die Taten, die er begeht.
Zu Beginn stellten sich die Besucher vor und es lag direkt eine gespannte Atmosphäre in der Luft. Uns wurde schnell klar: Herr K. entspricht nicht dem Klischee des „bösen” Kriminellen. Nach der Vorstellung fing der ehemalige Häftling an, offen über sein Leben zu erzählen.
Insgesamt war Herr K. 13 Jahre in Haft, jedoch nicht am Stück. Doch die eigentliche Frage ist, wie kam es überhaupt dazu? Angefangen hat alles mit Jugendstreichen, die nach und nach immer heftiger und kritischer geworden sind. In seinen jungen Jahren wohnte er hauptsächlich im Kinderheim, wo seine Freizeit eher weniger überwacht wurde, weshalb er oft auf sich selbst gestellt war. Dazu kam der ständige Drogenkonsum, wodurch er nach längerer Zeit immer weniger Kontrolle über sein eigenes Handeln hatte. So begann die Zeit seiner vermehrten Straftaten und damit verbundenen Haftstrafen. Herr K. berichtete uns, dass die Haftzeit eher weniger schlimm für ihn war, da es sich ähnlich wie seine Kinderheim-Aufenthalte angefühlt hat.
Anfangs nahm er die Haftzeit und die Therapie nicht ernst, weshalb er oftmals nach kurzer Zeit wieder verhaftet wurde. Doch nach mehreren Malen in Haft und in Therapie begann er über seine Taten und über sein Verhalten nachzudenken. Herr K. fing an, die Therapie ernst zu nehmen und entwickelte den Willen, endlich ein „normales” und friedliches Leben zu führen. Er erzählte, dass ein Grund dafür vor allem seine Tochter war. Er begann, sich ein anderes Umfeld zu suchen und machte seinen Abschluss im Gefängnis. Der Ex-Häftling wollte ein besserer Mensch werden, er wollte sein Leben in den Griff bekommen. So beendete er seine letzte Haft und startete ein komplett neues Leben.Er hat neue Interessen für sich selbst gefunden. Er hat seinen eigenen Sinn des Lebens gefunden. Er machte freiwillig eine Therapie und fing mit seiner Ausbildung an. Der Ex-Häftling war plötzlich nicht mehr der ehemalige Häftling, sondern ein freilebender Mann mit einer schwierigen Vergangenheit.
Für uns als Klasse war die Geschichte von Herr K. sehr bewegend, zumal wir gemerkt haben, wie stark ein falsches Umfeld einen prägen kann. Trotz dieser schlimmen Erlebnisse empfand unser Besucher seine Erlebnisse als wichtige Lehren für sein Leben. Er teilte uns den Rat mit, dass wir stets dankbar für unsere Familie und unsere Mitmenschen sein sollen, denn das sei das, was wirklich zählt im Leben. Herr K. hat uns, ohne es wirklich zu wollen, eine komplett neue Perspektive auf das Leben eines Häftlings gezeigt. Durch diesen interessanten Besuch wurde unsere Auseinandersetzung im Religionsunterricht, also ob der Mensch gut oder böse ist, mit vielen neuen Impulsen gefüllt. Dieser Besuch war mehr als bewegend, er war prägend für unsere Zukunft.
Der Artikel wurde von Stella Gabriel, Klasse 10D, verfasst.